Melanie Pyroth / Mat.-Nr.: 9920260 / Gruppe A                                                                                                                                                 zu Aufgabe 1

Übungen zur Medientechnik Lösung zu Blatt 2 / Aufgabe 2


Wie Holzpeter zu einer Braut kam

Hilde Fürstenberg

Wenn wir in der Vorweihnachtszeit mit der Mutter um den großen runden Tisch im Wohnzimmer saßen und für Weihnachten bastelten, dann hat sie uns manchmal aus ihrer Kindheit und Jugend in der kleinen Stadt am Rhein erzählt, und so erfuhren wir auch die Geschichte, wie Holzpeter zu seiner Braut kam.

Holzpeter, der nicht nur deshalb so hieß, weil er ein Holzbein hatte, sondern vor allem deshalb, weil er viele schöne und nützliche Dinge aus Holz machte, die er in den Wochen vor Weihnachten auf die Märkte brachte, lebte im Westerwald auf einem Bauernhof, die Leute dort erkannten nicht, dass er ein großer Künstler war. Er schnitzte Heiligenfiguren, die selbst in berühmten Domen einen Platz fanden, er machte die schönsten Krippen mit dem Jesuskind und Maria und Josef, mit Hirten und Tieren und Engeln und den Heiligen Drei Königen. Er fertigte auch allerlei Dinge an, die an den Weihnachtsbaum zu hängen waren, Herzen und Kringel, Ketten und Sterne, auch Füße für den Tannenbaum und Kistchen und Kästchen, aber vor allem machte er Holzlöffel, Brettchen zum Frühstück, Schüsseln und vielerlei sonstiges Gerät, und das war es, was die Leute brauchten.

Mit einem großen Korb voll solcher Sachen, den er auf dem Rücken trug, kam er wieder einmal zur Zeit des Weihnachtsmarktes in der kleinen Stadt an, und da gerade die Bauern aus dem Westerwald zu dem großen Schweinemarkt gekommen waren, hatten die Wirtsleute in der Stadt kein Bett mehr frei, und Peter fand kein anderes  Unterkommen als in einer Apfelkammer eines kleinen Gasthauses am Hafen, wo gewöhnlich die Schiffer von den Frachtkähnen auf dem Rhein übernachteten. In der Kammer war kein Ofen, es war kalt dort, und Peter hatte auch nur eine armselige Decke, in die er sich einwickeln konnte.

Aber nun hatten die Wirtsleute dort ein kleines Mädchen aufgenommen, ein Waisenkind aus ihrer Familie, das überall im Wege war und nicht eher ein Unterkommen hatte finden können, als bis die Gemeinde energisch verlangt hatte, die Verwandten sollten sich um das arme Wesen kümmern. Das taten sie dann auch, aber die Kleine, die Eva hieß, fand weder äu8erlich noch innerlich einen reich gedeckten Tisch. Peter, der um dieses armselige Leben wusste, brachte der Kleinen oftmals ein Teil mit, wenn er zum Markt kam, und Eva hing deshalb mit ihrem liebeverlangenden Herzen an ihm. Diesmal hatte er ihr eine schöne Holzfigur mitgebracht, die den Rattenfänger von Hameln darstellte, und da Peter auch noch die Geschichte mit aller Ausführlichkeit erzählte, wich Eva den ganzen Abend nicht von seiner Seite. Sie stellte ihm den Teller mit Bratkartoffeln auf den Tisch, sie brachte ihm das Bier, sie wärmte seinen Pantoffel am Herd und stülpte ihn über den einen Fuß - Peter erzählte die Geschichte vom Rattenfänger inzwischen in der dritten Aufmachung.

Als der Mann dann später in der kalten Apfelkammer lag und sich abmühte, unter seiner schäbigen Decke warm zu werden, ging auf einmal die Türe auf, und Eva kam auf  bloßen Füßen herein. Sie plagte sich mit der Bettdecke, die sie hinter sich her zog, stolperte und fiel und hielt bei allem ihren Rattenfänger fest im Arm.

"Nanu", sagte Peter und hob den Kopf, "was machst du denn ?"
"Du hast es so kalt", flüsterte die Kleine, "ich bringe dir meine Decke.-"
"Nu, nu", entgegnete Peter, "womit aber willst du dich denn bedecken ?"
"Ich kann ja bei dir bleiben", sagte sie ängstlich. "Ich mache mich ganz klein, damit du Platz genug hast."
"Ach du Engelchen -. Ja, dann komm her -."

Sie krochen zueinander, und Peter stopfte die Decken sorglich um sie beide, es wurde so schön warm, dass sie ganz lustig miteinander wurden auf ihrem schmalen Lager. Die Kleine hatte ihren Rattenfänger an sich gedrückt, er war hart und störte die Gemütlichkeit, so dass Peter sagte, nun solle sie diesen fremden Kerl auf den Fußboden stellen, er fröre ja nicht.  Außerdem sei es nicht gut, sich mit Rattenfängern allzu sehr einzulassen. "Vergiss das nicht, wenn du groß bist. Solche Kerle, die durchs Land ziehen und schöne Musik machen, die bringen nur Unglück und Tod, du weißt doch, was mit den Kindern geschah. Solchen Zauberern laufen die Menschen ja nach, man kennt das - häng niemals dein Herz an solche Flötenspieler, wenn du groß bist-."