"Wie Holzpeter zu einer Braut kam"
Ein Weihnachtsmärchen von
 Hilde Fürstenberg
Wenn wir in der Vorweihnachtszeit  mit der Mutter  um  den   großen   runden    Tisch   im Wohnzimmer   saßen   und   für   Weihnachten bastelten,  dann hat  sie   uns   manchmal  aus ihrer  Kindheit  und  Jugend   in   der   kleinen Stadt am Rhein erzählt,  und  so  erfuhren  wir auch die Geschichte, wie Holzpeter zu   seiner Braut kam.
Holzpeter,  der  nicht  nur  deshalb  so hieß, weil er ein  Holzbein hatte, sondern vor allem deshalb,  weil  er  viele  schöne und  nützliche Dinge aus Holz machte, die er in den Wochen vor   Weihnachten   auf  die  Märkte  brachte, lebte  im  Westerwald  auf  einem  Bauernhof, die  Leute dort  erkannten  nicht,  dass er  ein großer  Künstler war.  Er  schnitzte  Heiligen- figuren, die selbst in berühmten Domen einen Platz fanden,er machte die schönsten Krippen mit dem  Jesuskind und  Maria und Josef, mit Hirten und  Tieren und  Engeln und den Heili- gen  Drei  Königen.  Er  fertigte  auch  allerlei Dinge  an,  die  an   den  Weihnachtsbaum   zu hängen  waren,  Herzen  und  Kringel,  Ketten und  Sterne,  auch  Füße für den Tannenbaum und  Kistchen  und  Kästchen,  aber vor allem machte  er  Holzlöffel,  Brettchen  zum   Früh- stück,   Schüsseln    und    vielerlei   sonstiges Gerät,   und   das   war   es,   was   die    Leute brauchten.
Mit  einem   großen    Korb   voll    solcher Sachen, den er auf dem Rücken trug, kam er wieder  einmal   zur   Zeit   des   Weihnachts- marktes  in  der  kleinen   Stadt   an,  und  da gerade  die Bauern  aus  dem  Westerwald zu dem    großen    Schweinemarkt    gekommen waren,  hatten  die  Wirtsleute  in  der   Stadt kein  Bett   mehr   frei,   und  Peter fand  kein anderes Unterkommen  als  in   einer   Apfel- kammer    eines    kleinen    Gasthauses   am Hafen,  wo  gewöhnlich die  Schiffer  von  den Frachtkähnen  auf dem Rhein übernachteten. In  der  Kammer   war  kein Ofen, es war kalt dort, und Peter hatte auch nur eine armselige Decke, in die er sich einwickeln konnte.
Aber  nun  hatten  die   Wirtsleute  dort  ein kleines Mädchen aufgenommen, ein Waisen- kind aus ihrer Familie,  das  überall  im Wege war  und  nicht  eher  ein Unterkommen hatte finden können,  als  bis  die   Gemeinde ener- gisch verlangt hatte, die Verwandten sollten sich  um  das   arme   Wesen  kümmern.  Das taten sie  dann auch, aber die Kleine, die Eva hieß,  fand   weder  äußerlich   noch  innerlich einen  reich  gedeckten  Tisch.  Peter, der um dieses  armselige  Leben wusste, brachte der Kleinen  oftmals  ein  Teil  mit,  wenn  er zum Markt  kam,  und Eva hing deshalb mit ihrem liebeverlangenden  Herzen  an  ihm.  Diesmal hatte  er  ihr   eine   schöne   Holzfigur  mitge- bracht,  die  den   Rattenfänger   von  Hameln darstellte,   und   da   Peter   auch    noch   die Geschichte mit aller Ausführlichkeit erzählte, wich Eva den  ganzen  Abend nicht von seiner Seite.  Sie   stellte   ihm den  Teller mit  Brat- kartoffeln auf den  Tisch,  sie brachte ihm das Bier, sie  wärmte  seinen  Pantoffel  am  Herd und  stülpte  ihn  über  den  einen Fuß – Peter erzählte  die  Geschichte  vom   Rattenfänger inzwischen in der dritten Aufmachung.

 



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